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Steve Barrow & Peter Dalton: The Rough Guide to Reggae (Rough Guides, London, 2001, 476 S., in englischer Sprache)

Ein dicker Wälzer mit der Geschichte der jamaikanischen Musik "from Ska through Roots to Ragga". Dies ist die zweite (noch um viele Seiten gewachsene) Auflage. Sicher, die Kapitel über Ragga, Dancehall und Rasta dürften für unsereins eher uninteressant sein, aber es bleiben noch 142 Seiten auf denen frühe jamaikanische Musik (Mento, Ska, Rudeboy Music, Rocksteady und Early Reggae) abgehandelt wird. Allein diese Kapitel sind das kenntnisreichste, was ich je über jamaikanische Musik gelesen habe. Dazu kommt noch ein Kapitel über Reggae in Britannien, was auch einige unserer Favourites betrachtet. Das ganze wird durch zahlreiche Abbildungen illustriert und durch Tonträger-Reviews zum Thema ergänzt. Absoluter Tip!

Marc Griffiths: Boss Sounds. Classic Skinhead Reggae (ST Publishing, Dunoon, 1994. 160 Seiten, in englischer Sprache)

Dies ist das Standardwerk über Skinheadreggae. Es umfaßt einen 30seitigen Überblick über das Thema und eine sehr ausführliche Übersicht (100 Seiten!) der verschiedenen Plattenlabel aus der Zeit von 1967 bis 1973. Dabei werden auch die wichtigsten Singles und ihre Interpreten vorgestellt. Hilfreich ist auch das nach Interpreten sortierte Register. Nett auch die zahlreichen Abbildungen historischer Label und die eingestreuten Musikerfotos. Für jeden, der sich ernsthafter mit Skinheadreggae beschäftigen möchte, ein absolutes Muß!


Russ Winstanley & David Nowell: Soul Survivors - The Wigan Casino Story (Robson Books, London, 1996. In englischer Sprache)

Das Wigan Casino war wohl der bekannteste und legendärste Northern Soul Club. Dieses Buch geht seiner Geschichte nach. Von 1973 bis 1981 geht diese Geschichte eines großen, baufälligen und verschwitzten Clubs. Einer der Autoren - Russ Winsatnley - war übrigens selber bis zur Schließung des Clubs dort der dienstälteste DJs. Er erinnert sich an ständig vollen Tanzflächen, die immer präsenten Drogen und die Probleme mit den örtlichen Behörden. Ein besonderes Schmankerl an diesem Buch sind die Fotos: Mann, was für üble Outfits! Mag Northern Soul Mitte der siebziger Jahre ein musikalischer Lichtblick in einer Welt voller Geschmacklosigkeiten gewesen sein, das Northern Soul Outfit war es nicht, hehe.
Angereichert ist das Buch mit den persönlichen Soul-Hitlisten von David Novell und Russ Winsanley. Am Ende des Buches finden sich kurze Statements von Gästen, DJs und anderen Casino-Mitarbeitern. Dieses Buch ist durchaus sein Geld wert und erinnert wehmütig an eine Zeit, die nie wiederkehren wird, schnüff.

Pete McKenna: Nightshift (ST Publishing, Dunoon, 1996, 128 S., in englischer Sprache)

Hier erzählt einer, der in den siebziger Jahren die Nächte im legendären Wigan Casino zu Northern Soul durchtanzte aus dem Nähkästchen. Freimütig wird über Drogen, kaputte Toiletten und grandiose Parties berichtet. Auch Pete McKennas persönlichen Vorlieben wie Rollerfahren und Fußball werden gestreift. Ja, auch das Thema Skinhead wird am Rande erwähnt (zum Glück nicht in der für das Haus ST Publishing üblichen plumpen Weise). Liest sich flott durch und ist definitiv empfehlenswert.

Maxwell Murray: Crackin up (Moonshine Enterpises, Chesterfield, 1999, 368 S., in englischer Sprache)

Hier handelt es sich um einen Roman der um 1970 in England spielt. Die recht hanebüchene Handlung führt den Helden Kenny Roberts durch Liebesabenteuer, die Skinheadszene, Schlägereien, Drogenexzesse, rasante Rollerfahrten, Ärger mit der Polizei und Rockern, Soulnighter, Sex und Fußballgewalt. Trotz der Konstruiertheit der Geschichte, ist das Buch durchaus unterhaltsam zu lesen. Spannend ist, wie der Drang zum Exzess Kenny in immer neue Schwierigkeiten stürzt, aus denen er sich dann meist (nicht immer!) unbeschadet herauswindet. Der Protagonist wird jedoch zum Ende des Buches langsam aber sicher zu einem selbstzerstörerischen, schwulenhassenden und frauenfeindlichen Arschloch. Auch die letzten Seiten des Buches wirken seltsam moralisierend. Trotz dieser Schwächen habe ich mich beim lesen dieses Buches keinen Moment gelangweilt. Außerdem stieß die detaillierte Schilderung der Northern Soul Szene und der Gangs jener Tage auf mein lebhaftes Interesse.

Stewart Home: Red London (AK Press, Edinburgh, 1994. In englischer Sprache)

Ein spezielles britisches Literatur-Genre sind Subkultur-Romane (siehe auch die beiden Soul/Scooterist-Romane oben). Der bekannteste Vetreter dieser Richtung dürfte wohl Richard Allen sein, der mit seiner wohlkalkulierten Mischung aus Sex, Ganggewalt und Subkultur-Moden Höchstauflagen verkaufte.
Stewart Home ist deutlich von Allen beeinflußt, er entwendet zum Teil ganze Passagen aus dessen Romanen. Home reichert aber die wohlbekannte Mischung auch noch um zahlreiche Verweise auf bekannte (und erfundene) Bands und politische Theorien an.
Stewart Home ist übrigens selber Ex-Punk und Ex-Skin und läßt sein subkulturelles Wissen nicht nur in seine Romane, sondern auch in seine kulturtheoretische Werke (u.a. "Cranked up really high") einfließen.
In "Red London" (nein, dieser Roman hat nichts mit der gleichnamigen Oi!-Kapelle zu tun) geht es um eine anarchokommunistische Skinhead-Gruppe die durch gewalttätige Übergriffe und Anschläge auf die Oberklasse die Revolution vorbereitet. Nebenbei wird noch jede Menge Sex praktiziert. Eine prima groteske Story, in der Religion, politischer Voluntarismus und Subkulturen angenehm verzerrt geschildert werden. Es macht durchweg Spaß das Buch zu lesen, besonders Passagen, wie jene, in der Last Resort-Sänger Roi Pearce in der sexuellen Phantasie eines männlichen Fans auftaucht. Tip!

Stewart Home: Blow Job (Nautilus, Hamburg, 2001. In deutscher Sprache)

Dies ist das dritte auf deutsch erschienene Buch Homes (die Romane "Stellungskrieg" und "Purer Wahnsinn" sind ebenfalls bei Nautilus erschienen). Hier gibt es wieder jede Menge Sex (diesmal - wie im Titel vorgegeben - nur oral), Straßengewalt, politische Verschwörungen und brutale Bullen. Und natürlich tauchen gelegentlich Skinheads auf. Wie immer kurzweilig und äußerst amüsant.






Martin King: A Boys Story - The revelations and wild times of a young skin (Mainstream Publishing, Edinburgh and London, 2000. In englischer Sprache)

Hier berichtet Autor Martin King (bekannt durch das Buch "Hoolifan") aus seiner Jugend als Skinhead Ende der sechziger Jahre. Hauptsächliche geht es hier um seine Hauptpassion: den Chelsea Football Club und die damit verbundene Fangewalt. Die Kloppereien mit den Rivalen von Arsenal und West Ham nehmen ziemlichen Platz ein. Aber auch die Jagd nach den neuesten Klamotten, Reggae im Jugendclub und erste sexuelle Erlebnisse werden geschildert. Das Buch ähnelt anderen Fußball-Skin-Gewalt-Büchern wie "Bovver", kommt aber nicht ganz so zurechtkomponiert und hölzern wie jenes daher. Aber auch bei Martin King werden die Fußball-Aggro Geschichten irgendwann langweilig, denn natürlich hauen die Chelsea Fans alle anderen weg, auch wenn sie selber in der Minderzahl sind und sind allgemein sowieso die tapfersten Fans von allen, jaja.
Insgesamt aber doch mittelmäßiger bis guter Lesestoff, der nicht allzu viel Tiefgang hat. Aber das erwarten wir ja auch nicht von Skinheadbüchern, oder?

Michael de Koningh & Lawrence Cane-Honeyset: Young, gifted and black - The story of Trojan Records (Sanctuary Publishing, London, 2003. In englischer Sprache)

Dies ist wohl eines der wichtigsten Bücher des Jahres. Ein umfassender Überblick über das bedeutendste britische Reggae-Label hat schon lange gefehlt. Hier erfährt man so ziemlich alles über die bewegte Vergangenheit von Trojan Records. Unter anderem werden Szenen geschildert, die einem heute die Tränen in die Augen treiben. So wurden Ende sechziger Jahre Single-Lagerbestände von Trojan-Mitarbeitern mit Vorschlaghämmern und anderen Werkzeugen zu Klump gehauen, um sie der Vernichtung zuführen zu können. Auf diese Weise wurden damals Steuern gespart! Schauder. Aber auch erfreulichere Ereignisse werden geschildert, wie der absolute Reggae Boom, den Britannien Ende der 60er / Anfang der siebziger Jahre erlebte.
Neben der reinen Label Geschichte gibt es noch einen kurzen Überblick über jamaikanische Musik von Jamaican R&B über Ska, Rocksteady bis zum Streicherreggae der frühen siebziger Jahre. Daneben gibt es sogar ein Kapitel welches "the Mods and the Skinheads" betitelt ist, aber nicht allzu viel Raum einnimmt. Etwas mehr als die Hälfte des 312 Seiten starken Werkes nimmt eine vollständige Trojan-Discographie von 1968-1993 ein. Boah! Abgerundet wird das ansprechende Buch noch durch einige schöne Promofotos von beliebten Künstlern wie Dandy Livingstone, Bob Andy, Marcia Griffiths, den Pioneers, Judge Dread, den Crystalites und vielen anderen. Ach ja, eine Audio-CD liegt dem Buch auch noch bei und die ist nicht von schlechten Eltern.

Mike Ritson & Stuart Russel: The In Crowd - The Story of the Northern & rare Soul Scene - Volume One (Bee Cool Publishing, London, 1999. In englischer Sprache)

Ein großformatiger Wälzer über Northern Soul liegt vor mir und ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Die Aufmachung ist hervorragend: Viele Bilder und ein schönes Layout. Beim Inhalt bin ich eher zwiegespalten. Weniger gut gefiel mir, daß teilweise bis ins kleinste Detail gegangen wird. Zum Beispiel welches Stück in Club x beim Nighter y zu Beginn gespielt wurde oder welcher DJ welches Stück entdeckt hat. Das ist ödes Fußnotenwissen für Musik-Nerds, die keine Freunde haben. Zum anderen gefiel mir bei diesem Band, daß die Geschichte des Northern Soul hier nicht erst mit den siebziger Jahren beginnt, sondern daß die Geschichte schwarzer amerikanischer Musik und seines britischen Publikums bis in die späten fünfziger Jahre nachgeforscht wird . Interessant sind die Schilderungen der mitt-sechziger Mod-Clubs in London und in Nordengland ohne deren Existenz es Nothern-Soul nie gegeben hätte. Die Schilderung der siebziger Jahre gerät allerdings etwas langatmig. Streckenweise war die Lektüre etwas öde. Ich will das Buch aber nicht verreißen und möchte es allen ans Herz legen, die an Detailwissen über Northern Soul in ansprechender Form interessiert sind.

Lloyd Bradley: Bass Culture. When Reggae was King. Penguin Books, London, 2001 (in englischer Sprache. Inzwischen liegt auch eine deutsche Übersetzung vor: Bass Culture. Der Siegeszug des Reggae. Hannibal Verlag, St. Andrä-Wördern 2003)

Was für ein Buch! Bradley, der selbst in den siebziger Jahren in London Teil der dortigen Soundsystem-Subkultur war, legt mit bestem Sachverstand hier eines der Standardwerke über Reggae vor. Und zwar beginnend mit den ersten Soundsystems, die in den 50er Jahren die Lawndances in Kingston beschallten bis hin zum Dancehall heutiger Tage. Das Buch basiert zu einem großen Teil auf Interviews, die der Autor selbst mit Produzenten und Musikern geführt hat. Durch viele eingestreute Zitate (oft im jamaikanischen Slang belassen) wirkt das Buch dadurch sehr lebendig. Auch die uns interessierende Zeit (1967-1973) wird sehr ausführlich abgehandelt. Aber Bradley hält sich nicht nur mit den jamaikanischen Interpreten auf, nein es wird auch immer auf die britische Reggaeszene Bezug genommen und daß von ihren Anfängen, das heißt von den ersten Blue Beat Veranstaltungen in London an. Einer der ganz großen Aktivposten dieses Werks ist die Einbettung der musikalischen Entwicklung in die jamaikanische und britische Gesellschaft. Man lernt viel über die Geschichte Jamaikas und wie sich diese in der Musik niederschlug. Übrigens, das Vorwort schrieb kein anderer als der große Prince Buster! Ich bin durch das Lesen dieses Buches wirklich weitergekommen und ich kann es allen Reggaebegeisterten schwer empfehlen.

Cass Pennnant und Micky Smith: Want some Aggro? The true Story of West Hams first Govnors. John blake Publishing, London, 2002 (in englischer Sprache)

Hier geht es um die legendären legendären "erlebnisorienierten" Fans des West Ham Football Club aus dem Londoner East End. Abgehandelt wird die Zeit zwischen 1967 und 1976. Eigentlich ein interessantes Thema, da in diese Periode gerade zwischen 1967 und 1973 skinhead- und suedeheadmässig sehr interessant ist. Doch leider hinterläßt einen dieses Werk recht unbefriedigt. Es wird zwar in fast buchhalterischer Manier über fast jedes Spiel berichtet, welches in dieser Periode stattfand, aber dies geschieht recht trocken und nüchtern. Es geht wirklich nur darum, welche Mobs aufeinander trafen, wer bei den Schlägereien gewonnen hat, wer weggerannt ist (natürlich immer die anderen) und ob man von den Bullen verhaftet wurde. Micky Smith, der diese Zeit als aktiver Fan erlebt hat, schreibt nicht über den Adrenalinschub, nicht über die Atemlosigkeit, nicht über das Gefühl des Triumphs oder der panikartigen Flucht. Dies wären doch genau die Aspekte, die das Phänomen des Straßenkampfs für junge Männer so interessant machen. Völlig vernachlässigt werden auch die anderen Aspekte der Subkulturen jener Tage: Musik kommt eigentlich nicht vor und auch auf die Outfitaspekte wird nur sehr wenig eingegangen. Auch das tägliche Leben, wie Familie, Sex, Freunde, Schule, Arbeit wird fast nicht berührt. Das heißt man erfährt nahezu nichts über die Hintergründe des Ich-Erzählers, obwohl dies bei anderen Büchern dieser Sorte üblich ist. Schade.

Andre Pilz: No llores, mi querida Weine nicht, mein Schatz. Ein Skinhead-Roman. Archiv der Jugendkulturen, Berlin, 2005

Ich muß sagen, der Roman liest sich recht flott und die Handlung ist mitunter ganz spannend, er ist aber nicht wirklich gut. Denn dieses Buch ist in etwa das, was Oi! Warning auf der Film-Ebene war: Übertriebene Handlung und teils unglaubwürdige Charaktere, die es in der Realität so nicht gibt, höchstens als Summe der Psychosen und Ticks eines riesigen Haufens Leute. Der Held dieses Buchs, ein gewisser Rico, ist Oi!-Skin und hasst alles, bis auf die Natur (er ist nämlich voll der Öko und Moralo), die Böhsen Onkelz und seine neue Flamme - dummerweise eine Afro-Mexicano-Amerikanerin. Denn die ach so unpolitische Clique von Rico, dem Naturfreund-Skin, ist nämlich voll rassistisch. Und da gibts dann mächtig Ärger (obwohl Rico auch nicht ganz frei von rassistischen Vorurteilen ist). So gerät Held Rico zunehmend mit der Clique in Konflikt. Am Ende geht er mit der schönen Dame nach Mexico. Doch vor diesem Happy End watet Rico durch Sturzbäche von Blut, Sperma, Rotz, Kotze, Scheiße und (natürlich!) Alkohol. Körperflüssigkeiten und Alkohol spielen in diesem Werk eine außerordentlich große Rolle. Hat da wer als Kind nicht im Matsch spielen dürfen? Aber zurück zum Buch: Rico geht nie den einfachen Weg. Er führt sich zuweilen auf wie Robert de Niro in Taxi Driver als Rächer der Getretenen. Eigentlich würde Rico einen prima Öko-Anarchisten abgeben, aber dann finden wir ihn siegheilend in der Straßenbahn wieder (natürlich nur, weil er eine ehemalige fiese Lehrerin trifft - die Gesellschaft ist schuld). Achja, wie bereits angedeuet, spielen die Böhsen Onkelz in dem Buch eine große Rolle, sie werden 23 mal zitiert (!). Auweia. Sonst findet unser Held Rico auch Fußball und mitunter Ska ganz toll und kennt sogar den Skinhead Moonstomp (in der Version der Specials...). Skinhead Girls heißen übrigens alle Renees (dieses deutsch-englische Mißverständnis wird sich wohl nicht mehr aus der Szene schaffen lassen) und kommen nur am Rande vor.
Ich würde das ganze Buch wesentlich besser finden, wenn es wie einige britische Romane wenigstens hier und da mal ein winziges Augenzwinkern, eine Andeutung von Ironie gäbe, aber Ich-Erzähler Rico nimmt sich und die Welt sehr, sehr ernst. Aber genug des Gemäkels. Obwohl ich das Buch nicht wirklich toll finde, hat Andre Pilz ein Lob verdient und zwar dafür, daß er Szene-Heiligtümer wie die berühmte Männerfreundschaft und Kameradschaft als vergänglich und verlogen schildert. Auch andere Tatbestände von Doppelmoral in der Skinszene bleiben nicht unerwähnt. Und er läßt ab und an ganz untypische, un-klischeehafte Wesenszüge bei Skinheads zu. Dafür sei ihm gedankt.

 
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